Peter van Eck

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waelz
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Peter van Eck

Beitrag von waelz » Freitag 29. Juli 2011, 03:22

Peter van Eck lieferte den Soundtrack zur Spiegel-Affäre

Peter van Eck hat mit dem „Spiegel-Twist“ den Soundtrack zur Spiegel-Affäre im Jahr 1962 geliefert. Van Eck stellte den Titel mit durchschlagendem am Presseball in Bonn im November 1962 vor. Van Ecks-Erfolg hat eine tragische Seite: Bis seine Single auf dem Markt kam, hatte Trude Herr bereits einen anderen „Spiegel-Twist“ herausgebracht. Van Ecks Originalversion musste aufgrund einer Klage vom Markt genommen werden. Er wurde wenig später als „Bundespresseball-Twist (Spiegel-Twist)“ neu lanciert. Das Hitparadenrennen hatte gegen Trude Herr hatte Van Eck dadurch verloren. Peter Van Eck betreibt heute verschiedene Lokale an der Costa Dorada in Spanien

Von Wälz Studer

November 1962, Bundespresseball in Bonn. Auf der Bühne steht wie seit Jahren das Peter van Eck Quintett. Das Parkett bleibt fast leer, die Stimmung ist frostig. Viele Journalisten, darunter die ganze Spiegel-Redaktion, und grosse Teile der SPD bleiben der Veranstaltung fern. Die Spiegel-Affäre kocht ihrem Siedepunkt entgegen. Die apolitischen Musiker wundern sich über die Abwesenheit der Spiegel-Redaktion und erfahren im Verlaufe des Abends deren Hintergründe. Spontan schreibt Bandleader van Eck ein kleines Couplet: den „Spiegel-Twist“. Das Publikum ist begeistert: „Wir mussten den Titel wohl 50mal spielen an dem Abend“, erinnert sich Peter van Eck an die Geburt seines Hits.

Party, Twist und Show, das waren nicht die Ziele des Felix Josef Schwarz, wie Peter van Eck bürgerlich heisst. Er kam am 29. August 1927 in Bernsdorf (heute Bernatice) im Landkreis Trautenau in Tschechien zur Welt. 1938 zog die Familie nach Berlin. Dort war Felix bald einmal Mitglied der Rundfunkspielschar, einer Untergruppe der Hitlerjugend. Ab 1941 besuchte er die Orchesterschule in Berlin-Charlottenburg. Im Hauptfach studierte er Fagott. Bald war er Mitglied des Stabsmusikzugs der Hitlerjugend und später des Konzertorchesters der Musikhochschule. Heimlich lernte er Saxofon und Klarinette zu spielen. 1942 trat er in den Mozartchor ein, was ihm ermöglichte „von dem verhassten Stabsmusikzug der Hitlerjugend“ wegzukommen, wie Schwarz in seinen Memoiren schreibt. Der Mozartchor bestand aus einem Chor und einem Kammerorchester von Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren. Mit dem Chor trat Schwaz in ganz Europa auf und machte Rundfunkaufnahmen. Im Kammerorchester spielte er den Solopart im Fagottkonzert von Carl Maria von Weber. 1944 weilte er als Truppenbetreuer mit einer Band in Italien. Im September 1944 schliesslich wurde er an die Ostfront einberufen. Er geriet in russische Gefangenschaft und kehrte erst 1949 in die Heimat zurück.

Fagottist im Berliner Sinfonie-Orchester
In Berlin nahm Schwarz sein Fagott-Studium wieder auf. Nebenher verdiente er Geld als Unterhaltungsmusiker. Er spielte mit Studentenkollegen bei Betriebsfesten oder Hochzeiten. Später gründete er eine Bigband, die er „Tusma-Tanzorchester“ nannte. Am Klavier sass Horst Jankowski, am Schlagzeug Heinz Niemeyer, später ein bekannter Jazzdrummer und als Sänger trat hie und da Hermann Prey auf. Die Ausritte in die leichte Muse machten sich finanziell bezahlt, aber sie hatten Auswirkungen auf die Leistungen des Fagott-Studenten Schwarz. Dieser schaffte 1953 knapp das Abschlussexamen. Seine Stelle als Fagottist im Berliner Sinfonieorchester hingegen musste er nach einem Jahr aufgeben.

Intermezzo bei den „Nicolets“
Schwarz setzte ganz auf das Showbusiness. Er tat sich mit dem Pianisten Eberhard Nickel zusammen, der die weibliche Gesangstruppe „die Nicolets“ leitete. Die Original-Nicolets hatten sich allerdings abgesetzt. Schwarz und Nickel stellten 1953 eine neue „Nicolets-Truppe“ zusammen. Die Truppe tourte in Afrika und auf Zypern, wo sie endgültig auseinanderbrach.

Panamas im Osten – Peter Schwarz Orchester im Westen
Nach der Rückkehr mitte der 50er Jahre stellte Schwarz mit seinem Bruder Horst an der Gitarre und der Sängerin Jutta Lenz ein Quartett auf die Beine, mit dem er ein Engagement in München annahm. Jutta Lenz wurde kurze Zeit später seine erste Frau. Die Ehe ging nach kurzer Zeit in die Brücher. Schwarz versuchte sich in Ostdeutschland kurze Zeit als Holzhändler im Geschäft des ehemaligen Schwiegervaters. Bereits in den ersten Tagen des Jahres 1956 stand er mit Bela Martinelly an der Gitarre und Erwin Schwarz (nicht verwandt mit Felix Schwarz) am Klavier wieder auf der Bühne. Den Vornamen „Felix“ hatte er abgelegt. Er nannte sich nun Peter Schwarz, weil „dies moderner klang“. Gemäss den Aussagen von Schwarz hiess die Band im Westen „Peter Schwarz Band“. Im Osten trat er mit dem Trio als „Panamas“ in Erscheinung. Ende 1956 nahmen die „Panamas“ für Amiga die Single „Some of these days/I´m confession“ auf. In dieser Zeit wird das Orchester für Aufnahmen zum Film „Italienreise – Liebe inbegriffen“ verpflichtet. In dem Film spielt die Band zwei Nummern, die aber nie auf Platte erschienen sind.

Aus Peter Schwarz wird Peter van Eck
Zwei Jahre lang spielte die Formation, die später durch den Sänger Carlos Miranda ergänzt wurde in einem Promilokal in Berlin. Das Gastspiel endete mit dem Rausschmiss von Schwarz, weil er ein Verhältnis hatte mit der Frau des Clubbesitzers. Deshalb gründete er 1959 mit drei Musikern aus Leipzig und einem Schlagzeuger aus Berlin eine neue Band, die Peter Schwarz Quintett. Die Band gehörte schnell zur Spitzenliga der Tanz- und Showorchester. Ein erfahrener Künstleragent riet Peter Schwarz, den deutschen Familiennamen durch einen internationalen zu ersetzen, weil vor allem in den Beneluxstaaten Vorbehalte gegen alles Deutsche existierten. Vor dem ersten Auslands- Engagement taufte sich Peter Schwarz in Peter van Eck um. Neu hiess die Band „Peter van Eck Quintett“. Es spielte in der Besetzung:
Peter van Eck, Klarinette, Gesang
Rolf Hertel, Klavier, Orgel, Arrangements
Eberhard Meissner, Trompete, Akkordeon
Kurt Marschall, Schlagzeug
Kai Weinand, Bass

1959 bis 1970 spielte die Band am Bundespresseball zum Tanz auf. Und immer sass gegenüber an einem Tisch die Redaktion des „Spiegel“. Nicht so im November 1962. Der Tisch blieb leer. Spiegel-Chefredakteur Rudolf Augstein und einige seiner Journalisten sassen im November 1962 in Untersuchungshaft. Anlass war ein kritischer Artikel über die Bundeswehr. Der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Strauss witterte Landesverrat. Missliebige Zeitungsleute wurden verhaftet, die Spiegel-Redaktion durchsucht und besetzt. Bandleader van Eck ist empört, als er von den Schikanen gegen die Spiegelleute erfährt. Er bastelt binnen Minuten den „Spiegel-Twist“ zusammen und spielt ihn vor den versammelten Medienleuten. Die sind begeistert. Und sie schreiben am anderen Tag in ihren Zeitungen über das Lied zur Spiegel-Affäre.
Kurze Zeit später meldet sich die Electrola. Sie bietet der Band einen Plattenvertrag für die Nummer an. Noch im November erscheint Peter van Ecks „Spiegel-Twist“ auf dem Markt. Die Musiker ziehen –begleitet von einem Tross von Medien-Leuten- vor das Gefängnis in Leverkusen, wo die Spiegel-Redakteure einsassen. Sie spielen dort den „“Spiegel-Twist“ und kassieren prompt eine Busse in Höhe von 50 Mark wegen öffentlicher Ruhestörung. Die Werbemaschinerie läuft und der Verkauf der Single erreicht ungeahnte Umsätze.

Trittbrettfahrerin Trude Herr
Und doch drohte Ungemach: Erstens setzte der Bayrische Rundfunk den „Spiegel-Twist“ auf den Index. Die Nummer durfte nicht mehr am Sender gespielt werden.
Zweitens und dies sollte weitgehendere Auswirkungen haben: Kurze Zeit vor dem Erscheinen von Peter van Ecks Single hatte Trude Herr ebenfalls einen „Spiegel-Twist“ auf den Markt geworfen. Es handelt sich um eine andere Melodie und einen anderen Text. Die Produzenten der Herr klagten gegen die Electrola. Diese musste den originalen „Spiegel-Twist“ vom Markt nehmen. Am 5. Januar 1963 war Trude Herrs „Spiegel-Twist“ erstmals in den Charts verzeichnet. Die Nummer schiesst hoch bis Platz 23.
Die Electrola brachte die van Ecks „Spiegel-Twist“ unter dem Titel „Bundespresseball-Twist“ neu auf den Markt. Am 19. Januar 1963 findet die Nummer Aufnahme in der Hitparade. Sie klettert vor bis auf Platz 42. Laut Peter van Eck verkaufte sich die Scheibe über 100‘000mal. Eine weitere Single mit Electrola entsteht nicht.
Ungemach erlitt auch Verteidigungsminister Franz Josef Strauss. Der Vorwurf des Landesverrates erwies sich als haltlos. Strauss musste Ende November 1962 von seinem Amt zurücktreten.

1963 spielt das Peter van Eck-Quintett für Metronome mit „Ich will immer rechts herum“ die deutsche Version von Eduardo Vianellos „Guarda come Dondolo“ ein. In dieser Zeit entstehen einige weitere Songs wie „Komm doch“ oder „Cha Cha Christina“. Ob sie auf Platte erschienen sind, bleibt offen. Im Internet finden sich keine Spuren, die darauf hinweisen, dass Tonträger entstanden sind. Laut van Eck hat er in den Jahren 63 und 64 Studiojobs für den Violonisten Franz Löffler gemacht. Auch will er 1959 bereits Background-Musik für Metronome in München aufgenommen haben. Er weiss allerdings nicht, unter welchem Namen die Nummern erschienen sind.
Das Orchester Peter van Eck tourte bis Ende 1970. Danach stieg Van Eck in die Gastronomie ein. Erst übernahm er in Oberbayern eine Diskothek und dann das Varieté „Exil“ in Rosenheim. 1973 zog die Familie nach Spanien, wo sie heute an der Costa Dorada in Segur de Calafell“ verschiedene Lokale führt.

Epilog
Peter van Eck ist eines der wenigen One Hit Wonder im deutschen Schaugeschäft. Der „Spiegel-Twist“ ist ein Stück Zeitgeschichte, weshalb die Nummer auch historisch von Bedeutung ist. Interessant ist weiter die Tatsache, dass es sich um eine original deutsche Novelty-Nummer handelt. Peter van Eck und sein Quintett dürften wohl die Ehre für sich in Anspruch nehmen, das einzige deutsche One-Hit-Wonder zu sein mit einer deutschen Komposition. Diesen Erfolg des „Spiegel-Twist“ konnte van Eck nie wiederholen. Schlimmer noch: Die Trittbrettversion des „Spiegel-Twist“ von Trude Herr verhinderte grössere Verkäufe von van Ecks Single. Van Ecks Bedauern über das Störmanöver von Trude Herr hält sich n Grenzen. Zum einen kassierte er bei der Platte alleine ab, und zwar als Texter, Komponist und Interpret. Er versteht die 100‘000 Mark, die ihm die Single damals einbrachte als Zubrot. Das regelmässige Einkommen resultierte aus den Auftritten mit der Band. Und die Ehre, den Soundtrack geschrieben zu haben für einen der grössten Skandale der Ära Adenauer, für die Spiegel-Affäre, kann ihm eh keiner streitig machen.

Dieter
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Re: Peter van Eck

Beitrag von Dieter » Freitag 29. Juli 2011, 20:54

Toll Wälz,

wieder ein Geheimnis gelüftet. Kannte nur die Panamas, wuußte nicht, wer hinter Herrn Peter Schwarz steckt.

PANAMAS, Die, Instrumentalgruppe mit Jazz-Feeling (ERWIN SCHWARZ-p, BELÁ MARTINELLY-g, PETER SCHWARZ-b), Mitte der 50er Jahre Schallplatten für Amiga 150565 ("Some Of These Days"/"I’m Confessin’"-19.11.1956 in Berlin)

Gruß
Dietrich

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Re: Peter van Eck

Beitrag von Dieter » Freitag 29. Juli 2011, 20:57

Kleine Ergänzung:

van ECK, PETER (PETER SCHWARZ), originelles Ensemble (Quintett), ca. 1959 Peter Schwarz Combo, 1962 Electrola (22327 "Spiegel Twist"/"Oma Edison" und sein Quintett), Metronome M 356 ("Ich Will Immer Rechts Herum (Oh, Marie)"/"Twist-Party" und sein Quintett), auf dem Teka-Label mindestens eine Single ("Cha Cha Christina"/"I Found A New Baby"), Orchester Peter van Eck Sextett, siehe auch Die PANAMAS

Gruß
Dietrich

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